MADAME JOJO
Carla Trachsler
Essay

 

 

 

 

 

 

 

 

Dedicated to a person which I think does great art in his language:
P.K

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I am in paradise. It is a small island.

The bird is singing: “I wanted you to cook!”  I peal an orange which is not good anymore from my fridge. Why I always make mistakes?
Bought some toilet paper. Wrong quality.
All right. Orange – where does it come from? Africa, Australia? I do not know.
In my head: “sister helps you!“
Think and think. Nature talks with me. I have to do things, but I cannot.
This morning I cleaned my room. Washed my cloths with dishwasher.  But my glass is still dirty.

Dear people, that is today. What about tomorrow? I cannot say.

What is life? What is poorness? What is beauty?

Work is work. Work is life. Concentrate you about it!
I am a woman. For what are women good? For doing wash, clean, cook, to bring children on earth?

Back to nature and wind: Does the wind really want to speak with me? Or do I just imagine this? God is male. Wind is the voice of god. My father is god. Why speaks my father all ways with me? Is he sad about me? Does he want to tell me something? Does he love me?

Questions and questions!

Mama, mother. Where are you? Are you sad about me? Are you sad, because I got no children? Are you sad, because I cannot work? Please tell me. I love the earth. The earth is my home. I love you. I want to touch you. Sitting at the floor in my small room. Yeah. It is nice. I can feel your energy. You give me the energy to write. You give me the energy to have it good. Not to think too much! Yeah. Thanks. I like it.

 

July 8 2009, la Digue, Seychelles

 

 

 

 

 

Inhalt:

 

 

I. Vorgeschichte

II. La Digue

III. Zerstörung

IV. Engel

V. Göttliche Komödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I. Vorgeschichte

 

„Hallo, ich bin eine Künstlerin und möchte gerne auf einer einsamen Insel während drei Monaten ein Drehbuch schreiben. Ich habe gerade ein bisschen nach den Seychellen gegoogelt und finde es sehr schön dort. Ich habe nicht viel Geld und deshalb denke ich, dass meine Anfrage für sie sicher komisch wirkt, doch ich habe mir gedacht, ich versuch’s einfach mal.“
„Guten Tag. Ah, ihre Anfrage klingt spannend. So eine Anfrage haben wir noch nie bekommen..... Ich persönlich gehe über Ostern nach La Digue, da werde ich vor Ort mal ausfindig machen, ob es eine Möglichkeit gibt. Schicken sie mir bitte ihre Mailadresse und ich werde mich spätestens Mitte April bei Ihnen melden.“

Etwa so haben die beiden Frauen miteinander kommuniziert. Und die Frage nach wie viel Geld sie denn für eine Unterkunft für drei Monate ausgeben könnte ist perfekt beantwortet und missverstanden worden: „wie viel könnten sie denn für die Unterkunft ausgeben maximal?“ „ tausend Franken“ (im Hinterkopf pro Monat). „Na gut, ich werde schauen, ob sich was finden lässt und werde mich melden.“ „vielen Dank“. Der Hörer wurde aufgelegt und die Frau schwebte wie auf Wolken. Da gibt es jemanden, der an mich glaubt! Da gibt es einen Lichtschimmer. Da besteht die Möglichkeit meinen Traum wahr zu machen!

Das Telefon klingelt: „hallo“ „hallo“ „ ich habe eine Überraschung: ein Freund von mir in La Digue hat mir mitgeteilt, dass er ein Zimmer mit Bad und Veranda gefunden hat auf der Insel. Er wohnt nebenan. Du kannst seine Küche mitgebrauchen. Er ist sehr lieb und ein vertrauensvoller Mensch. Kosten: 720 Euro für drei Monate. Na, was meinst Du?“ „Sprachlos. Wow! Super! Ich komme am ersten Juni - schaue nun für einen Flug. Wow, Du bist ein Schatz!“

Dann telefoniert sie nochmals mit der Frau vom Reisebüro und lässt sich einen Flug buchen. Noch eine Woche und es ist der erste Juni. Reisefieber kommt auf. Grosses. Nun müssen einige Dinge organisiert werden. Post macht die Schwester. Haus wird von der Mitbewohnerin und der Nachbarin gepflegt. Sonst muss gepackt werden und das Arbeitsmaterial für drei Monate sorgfältig überlegt werden.

 

 

II. La Digue

 

Seit einem Monat bin ich auf der Insel. Ich habe ein sehr schönes, sauberes kleines Zimmer. Das Bad mit Dusche ist so gross wie das Zimmer. Es hat einen Kühlschrank und einen Wasserkocher. Am meisten liebe ich meine Veranda. Da sitze ich oft und schaue auf das kleine Strässchen und grüsse die Leute. Da rauche ich auch und geniesse den Sonnenuntergang. Ich höre den Vögeln zu und schaue dem Wind in den Blättern der Bäume nach. Ich bin nicht glücklich. Obwohl ich im Paradies bin. Habe wunderbare Strände gesehen. Habe Schildkröten im Wasser berührt. Bin barfuss auf den Berg hier gestiegen und habe die Insel von oben betrachtet.

Ich bin verliebt. Es ist ein schönes Gefühl, sich auf einem Stück Land zu befinden, das so klein ist, dass man es in einem Tag gut mit dem Fahrrad umfahren kann; das Meer umfliesst das Land und verleiht dem Strand mit Flut und Ebbe immer andere Gesichter. Die Menschen hier lachen. Sie schenken einem ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Zufriedenheit und der Ruhe. Sie leben sehr einfach und sind glücklich. Das Essen, das sie kochen ist so gut und einfach wie ihre kreolische Sprache, die aus Bruchteilen von Französisch besteht. Der Inhalt der Sprache ist lange nicht so reichhaltig wie die wunderbare Melodie, in der die Leute sprechen. Auch ist die Natur ein einziges Wunder. Bananen, Mangos, Limetten, Ananas und vieles mehr wachsen im warmen Klima. Es ist nicht zu heiss und regnet ab und zu. So kann der Wald in einem kräftigen Grün erstrahlen und bietet zahlreichen Vogelarten ein Zuhause. Das Meer ist ein Traum. Kristallklares sauberes Wasser auf weissem Sand, so dass die Strände, welche von Korallenriffen umgeben sind und ein Zuhause für viele Fischarten sind, türkisblau schimmern. Nichts ist gefährlich - sogar die Haie im Wasser nicht. Ein Traum.
Ein Mann. Eine Figur. Eine Zahnlücke, immer aktiv. Immer lachend. Er umwirbt mich. Hat mir die ganze Insel gezeigt. Ich freue mich sehr über diese Bekanntschaft. Er arbeitet auf einem Schiff, das den Touristen die nahe gelegenen Inseln Félicité und Coco zeigt. Manchmal fahren sie auch nach Sister Island, eine private Insel und machen dort während eines Tagesausfluges Barbecue.

Sister Island gehört einem Schweizer. Er hat vor einigen Jahren eine ganze Insel gekauft. Das Betreten der Insel kostet pro Person 25 Euros. Wir ankern das Schiff einige hundert Meter vor der Insel. Es hat grosse Wellen. Wir sind etwa zehn Personen im Schiff und warten auf ein kleines einmotoriges Boot welches uns auf die Insel bringt. Mich überkommt plötzlich das Gefühl, dass ich auf die Insel schwimmen möchte, trotz Wellen. Ok, die Crew bringt meine Tasche mit dem kleinen Boot nach. Ich springe ins klarblaue Wasser. Es ist so tief, dass man den Grund ohne Brille nicht sehen kann. Wunderbar. Ich lasse mich ein bisschen von den Wellen treiben, doch da ich alleine bin und einige Meter vor mir habe und ein bisschen unwohl bin, beginne ich ziemlich schnell zu schwimmen. Crawl. Die Strömung habe ich schnell bemerkt und schwimme mit, doch immer mein Ziel im Auge. Langsam wird das Wasser hellblau. Sand am Boden - nicht mehr tief. Ich werde mit einer grossen Welle an den Strand geschwemmt. Alleine, kein Mensch rundum. Irgendwie kommt mir die Szene aus einem James Bond Film mit Ursula A. in den Sinn. Bald kommen die Touristen und die Crew mit dem kleinen Boot nach. Wir tragen alle Dinge an einen Ort unter schönen Bäumen, wo sich ein, aus einem halben Ölfass angefertigter, Grill befindet.
Es beginnen die Vorbereitungen: Fisch putzen, einschneiden, Marinade machen, Gemüse schneiden, Salat machen, Feuer machen, Tisch decken. Mein Job ist Tisch für etwa zehn Personen decken. Beim Rest schaue ich zu und irgendwann gehe ich ein bisschen ans Meer. Die Touristen schauen sich gerade die Insel an und warten auf das Essen. Ich werde nach dem Essen kurz noch die Insel besichtigen.
Das Essen schmeckt gut: der Fisch, Bourgeois, ist super lecker und nicht zu stark und nicht zu schwach gegrillt. Danach wird mir die Insel gezeigt: Riesenschildkröten laufen hier frei herum. Man kann auf sie stehen. Es macht ihnen nichts. Die Villa des Schweizers ist wunderbar (dekadent). Mit Blick auf einen einsamen von Felsen und Palmen umgebenen weissen Sandstrand. Keine Muschel, nur allerfeinster Sand. „Ist der Mann verheiratet?“ frage ich. „nein. Er ist schwul.“

Félicité wird gerade sehr bebauen. Wir fahren mit dem Schiff heran. Etwa vier Betonbunker in Bearbeitung sind von weitem ersichtlich. Sie stehen inmitten eines bewaldeten Hanges. James Bond 2020. Die Insel gehöre anscheinend einem Scheich, der Villas baut und sie an reiche Touristen vermieten wird. Wir legen den Anker. Schwimmen mit zwei grossen Plastikkübeln an Land. Wunderbarer Sandstrand. Man hört Geräusche von Bauarbeiten. Wir gehen Mangos pflücken. Gehen barfuss und in den Badehosen den Hang hinauf. Durchqueren ein im Bau stehendes Haus. Überall Armierungseisen und Holz mit Nägeln, sowie Betonreste. Das Gemäuer steht. Dach gibt’s noch keines. Auch liegt die Baustelle ruhig. Oberhalb dieses sich im Bau befindenden Gebäudes gibt es einen Baum. Riesig. Mangobaum. Wir füllen einen Kübel. Die Mangos sind gerade richtig reif. Oh. Dieser Duft! Plötzlich brummt es. Uns kommt ein Bagger mit einem Inder als Chauffeur entgegen. Weiter oben sind sie am bauen. Schon krass dieser Gegensatz: Unberührter Mangobaum und ein Bagger, der vielleicht schon bald die Wurzeln dieses Baumes, zwecks aufstellen einer Villa, ausgräbt. Wir haben noch einen zweiten, leeren, Plastikkübel. Stellen den Mango Eimer ab und gehen weiter nach oben. Ein Busch mit tausenden von kleinen Limetten. Wir füllen den zweiten Kübel und gehen den Berg hinab. Nun schwimmen wir zum Schiff. Jeder ein Kübel vor sich stossend. Es braucht ein bisschen Kraft und guten Beinschlag, damit die Früchte nicht ertrinken. Da ich eine gute Schwimmerin bin, schaffe auch ich es mit den Limetten.

Coco ist ein Paradies für Vögel. Wir ankern mit dem Schiff zehn Meter vor einem fünf Meter langen weissen Sandstrand. Umgeben von eindrücklichen Granitfelsen. Der Kapitän gibt den Touristen Anweisungen, wo es am besten zum schnorcheln ist. Masken und Flossen anziehen und die Treppe des Schiffes runter ins Wasser. Eintauchen. Umgeben eines Schwarmes kleiner Fische, schwarz weiss gestreift. Korallenriffe beherbergen Wunder des Meeres. Das einzige, worauf man nicht barfuss treten sollte sind die schwarzen stacheligen Seeigel. Fische in allen Farben und Grössen. Am schönsten finde ich die regenbogenfarbigen. Etwa fünfzig Zentimeter langen.

Wir schwimmen an den Strand. Ich möchte gerne die etwa hundert Meter durchmessende Insel bekunden. Wir klettern die Granitfelsen hoch. Gehen über am Boden liegende Palmenblätter – barfuss. Die Granitblöcke haben Spuren von Vogelmist. Unter einem Felsen guckt etwas Weisses hervor. Ich sehe einen ängstlichen Vogel. Schneeweisses Gefieder. Er ist am brüten. Wir gehen weiter nach oben. Plötzlich sind wir auf einer Lichtung inmitten von Kokospalmen. Am Boden Kokosnüsse und Schalen, sowie Vogelmistspuren. Wir schauen in eine Baumkrone unter uns: Alles voll mit schwarzen kreischenden Vögeln. Die schwarzen haben ihre Nester in den Bäumen, die weissen unter den Felsen.

Musik ist ein Teil der Freude der Leute hier auf La Digue. Einmal habe ich einen Spaziergang gegen Abend gemacht. Richtung Strand. Richtung Dorfzentrum. In einer Küche noch an meinem Strässchen ertönt ein kreolisches Segas-Lied. Ganz leise. Dann das Basketballfeld hinter mir gelassen, den „Gregoires“ Laden passiert und hinauf Richtung „Veuve-Reservat“. Ein Auto – von denen es auf der Insel etwa fünfzehn gibt – fährt an mir vorbei. „stick to the plan“ von Burning Spear – in voller Lautstärke. Es hallt noch eine Weile in meinen Ohren nach. Wieder ein Segas-Lied. Diesmal von einem Wohnhaus in zweiter Reihe nach der Strasse, aber in voller Lautstärke. Die Leute haben nicht viel, doch eine Musikanlage mit möglichst hohen Bässen befindet sich in jeder „guten Stube“ Ich gehe an einem kleinen Shop vorbei. Bum-bum. Das Lied kenne ich nicht. Die Leute, die draussen stehen, freuen sich jedoch darüber. Nun bin ich am Hang. Von oben herab tönt ganz laut irgendwelche Reggea Musik. Ich kann nicht feststellen, woher sie kommt. Ich sehe nur Bäume. Langsam habe ich mein Ziel erreicht. Ich komme bei Simon an. Er hat einen Stand bevor man zum Grand Anse Strand herunterkommt. Ich bringe ihm eine Zigarette und er macht mir einen Fruchtdrink: Mango, Banane, Papaya – guter Tausch! Aus seiner kleinen iPod Anlage ertönt Mark Knopflers Gitarre. Oh, wie lange habe ich schon keine Dire Straits mehr gehört.

 

 

III. Zerstörung

 

Ich hasse sie! Ich kann ihre Geschichten nicht mehr hören. Sie machen das Paradies kaputt. Sie zerstören es. Wie heisst du? Woher kommst du? Wie lange bleibst du? Sie sind auf der Suche nach einem Abenteuer. Nach einem Abenteuer im Paradies. Mit Adam. Es sind die tausend Evas, die jedes Jahr die Insel strömen. Manchmal haben sie ihren eigenen Adam dabei, weil sie vielleicht gerade auf Honeymoon sind. Wie heissen die Evas doch alle? Arielle, Betty, Cornelia, Dagmar, Esther,...... Die hiesigen Adams sind scharf auf sie, weil sie Geld haben, weisses Fleisch besitzen und einen ausländischen Pass. Auch die Mamas Adams sind scharf. Ja. Die Evas bringen Geld. Und zwar viel. Mama richtet den Evas ein Zimmer ein, damit kann Mama Essen kaufen, Mama kann Waschmittel kaufen, Mama kann sich etwas leisten, Mama gehört dazu! Auch die Papas des Adams sind glücklich: sie können arbeiten, können Bagger fahren, können Mauern aufstellen, sind richtige Männer!

Als ich meinen Plan gefasst habe, auf eine Insel zu gehen und zwar in ein Land, das zwar schön, jedoch arm ist, bekam ich, nachdem ich mein Ticket gebucht hatte und alles organisiert war, ziemliche Mühe mit den Gedanken: Was, wenn ich den Leuten mein zivilisiertes Leben zeige, was, wenn ich sie mit meiner Arbeit konfrontiere? Werden sie merken, dass ich nicht wirklich arm bin? Werden sie merken, dass wir in Europa umgeben sind von Zivilisation und Luxus? Was wird ihre Reaktion darauf sein? Mache ich bei ihrer Gesellschaft etwas kaputt? Dass ich in einem armen Land etwas zerstören könnte war der schlimmste Gedanke. Ich könnte einzig mit meiner Anwesenheit als Fremde etwas zerstören.

La Digue ist eine Insel, wo es ganz wenige Autos gibt und ganz viele Fahrräder. Ich bekam am zweiten Tag eines. Nicht nur ein Fahrrad, nein, dazu noch einen Guide. Eigentlich wollte ich die Insel alleine erkunden, doch da er so liebenswürdig sich anerboten hat, musste ich ja zu einem Trip zu zweit sagen. Wir fuhren zusammen bis ans Ende der Welt, wo ich mit ihm eine Parisienne rauchte. Das Ende der Welt ist schön, denn die Strasse hört einfach auf. Nun geht’s nur noch zu Fuss weiter (doch diesen Weg haben wir nie gemacht).

Schönheit der Natur besteht wahrlich auf la Digue. Doch es gibt auch die Kehrseite, die ich schon am ersten Tag dort gesehen habe. Unten, nahe dem Hafen wird gebaut. Es entsteht direkt am Meer eine riesige Villa für einen privaten Russen. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren, die Arbeiter kommen alle aus Indien. Das schlimmste: nirgends in La Digue sind die Häuser stark eingezäunt. Aber der Russe lässt sich eine dicke, übermannshohe Mauer aus Beton bauen. Weiter oben ebenfalls ein riesiges Fundament für ein Haus. Arbeiter: Inder. Die seien billiger als die Einheimischen.

Einem Maurer bin ich begegnet. Er arbeitet hier auf Mahe für eine reiche Familie. Er baut um deren Haus eine mannshohe Mauer mit einem Hilfsarbeiter. Beide sind Seychellois. Als er mich, auf meinem Weg zum Laden, sieht und wir einander freundlich grüssen - bleibe ich kurz stehen. Wir wechseln ein paar Worte. Er fragt mich, ob ich eine Bleibe suche, er hätte ein wunderbares Appartement für Touristen, selber gebaut, mit Klimaanlage. Schön. Klimaanlage brauche ich nicht. Nein, ich habe für den August schon ein Appartement bezahlt. Weiter oben. Oh. Ich kann meine Gäste auch ausführen auf Praslin, dort besitze ich ebenfalls ein Haus. Wissen sie, wir Seychellois können nur mit Touristen Geld verdienen – oder mit Drogen. Wenn ich mein Appartement, welches Platz für eine Familie in sich birgt vermieten kann, verdiene ich etwas. Ich mache es schwarz, zahle keine Taxen, da das Gouvernement nicht weiss, dass ich dies mache. Wow! Verlockend denke ich zu mir selber.

An der Bushaltestelle hier in Bel Ombre rede ich mit einer Frau, wir müssen fast eine halbe Stunde auf den Bus nach Victoria warten. Sie erzählt, dass sie für ein Ferienappartement, welches an Touristen vermietet wird, putzt. Sie fragt mich woher ich bin und fragt dann weiter, ob ich niemanden in meiner Heimat kenne, der eine Putzfrau sucht – ob sie ihr Land verlassen wolle? – ja. Auf die Frage, wie alt ich sei und ob ich Kinder habe, antworte ich ehrlich. Oh, ich bete zu Gott, dass sie einen Mann finden werden und Kinder bekommen. Auf die Frage wie alt ich sei, frage ich zurück, was sie meine. Vierzig. Stimmt. Ihre Tochter sei in Australien seit zwanzig Jahren. Hätte auch keine Kinder. Ein wehmütiger Blick in ihren Augen. Nach einer Weile des Schweigens beginnt die Frau wieder: Ich habe einen Sohn, 26 Jahre alt. Der sucht eine Ausländerin als Frau. Er findet die Seychelloises nicht attraktiv. Soll ich ihnen seine Telefonnummer geben?

 

 

IV. Engel

 

Sternenhimmel. Nacht. La Digue. Ich sitze am Meer und weine. In der einen Hand eine Zigarette und in der anderen eine Flasche mit Rum Cola. Der Mond ist halbvoll. Es ist Ebbe. Der Mondschein spiegelt sich im Wasser. Ruhe. Keine Geräusche, kein Wellenrauschen. Vollkommene dunkle Schönheit.

Ich bin traurig weil ich ihm gerade gesagt habe, er solle mein Zimmer verlassen, ich brauche Platz zum Arbeiten. Seine Sachen habe ich ihm vor die Türe gestellt. Ich wollte Frieden, doch er hat gemeint ich sei böse mit ihm. Nein. Ich brauche einfach Ruhe für meine Arbeit. Für mich. Warum akzeptiert er das nicht? Versteht er es nicht? Stocksauer hat er seine Sachen aufs Fahrrad gepackt. Ich wurde auch sauer und bin davongerannt. Richtung Meer. Wir haben uns gekreuzt. Er mit dem Fahrrad und ich zu Fuss. Kein Wort. Keinen Blick einander zugeworfen.

Einige Minuten musste ich einfach nur dasitzen und hatte keine Gefühle. Dann die Trauer. Die Tränen. Nicht nur wegen ihm. Nein. Ich schaue in die Sterne. Denke an meinen Vater. Der schöne Mond. Meine Mutter.

Angelika und Agnella haben mich gerettet. Danke. Die Frauen sind die starken hier. Sie tragen, sehen und helfen. Mit der Hilfe von Angelika habe ich das Appartement bei Agnella gefunden. Agnella lässt mich arbeiten. Wenn es sein muss, organisiert sie mir Zigaretten. Oder holt mir was ich brauche im Laden. Putzen tut sie mir nicht. Auch frische Bettwäsche bringt sie mir nicht. Aber einmal hat sie meinen Sack dreckiger Wäsche in ihre Maschine geknallt und sie mir zum Aufhängen von ihrem Balkon herunter geworfen. Wir lassen einander leben. Sie hat ihr Leben und ich meines. Das ist gut so.

 

 

V. Göttliche Komödie

 

Den ganzen Tag. Könnte ich schlafen. Träumen. Von einer schönen Welt. Den singenden Vögeln und dem Wind in den Blättern der Bäume. Dem Rauschen des Meeres zuhören. Die Sterne am Himmel anschauen. Die Natur riechen. Die ganze Nacht. Könnte ich träumen. Schlaflos. Von dem Chaos. Den brummenden Autos und des Basses der Stereoanlage. Den Auspuffgestank riechen. Crackrauchenden Kindern zusehen. Meinen inneren Stimmen zuhören.

Flut und Ebbe werden bestimmt vom Mond. Sie haben einen Zyklus, wie der weibliche Körper. Nur um einiges komplizierter. Zweimal pro Tag ist einmal Flut und einmal Ebbe. Jeden Tag anders.

Anse Marron. Der schönste Strand auf la Digue. Einmal haben wir versucht hinzukommen, aber es war gerade Flut und somit konnten wir den Weg durch das Wasser nicht machen, zumal ich meinen Fotoapparat dabei hatte. „Wollen aber nicht können.“ Ist das Schicksal? Ist das göttliche Eingebung?

Samia F. hat ein Stück geschrieben: „ Je sais peut être pas ce que je veux, mais je sais, ce que je n’ veux pas.“ Ist irgendwie weise, denn wollen ist egoistisch. Nicht wollen ist hingebend.

Sokrates’ „ich weiss dass ich nichts weiss“ geht in eine ähnliche Richtung. Ist vielleicht noch weiser. Samia ist nehmend. Sokrates ist gebend. Oder umgekehrt.

Eine Eingebung habe ich hier nicht gefunden. Ich bin nicht weise. Bin nicht wissend. Oftmals habe ich Samias Lied gesungen und mich dabei sehr wohl gefühlt. Doch eigentlich nicht wirklich, denn manchmal wusste ich hier gar nichts. Nicht einmal was ich nicht will. Ich möchte nicht vergewaltigt werden. Ich möchte nicht zerstören. Ich möchte Liebe geben und nehmen können. Lieben ist weiblich. Glauben ist männlich.

„Meine Göttliche Komödie“ ist eine Tragödie.

Können Frauen Komödien schreiben, lieben, machen? Kann die Liebe eine Komödie sein?
Meine ist es nicht. Leider.

Oh. Nun habe ich gerade die Liebe dem Göttlichen gleichgestellt. Unbewusst.

 

q.e.d. mit Bauchgefühl – Carla Trachsler, 11.8.09

 

 

 

 

 

„Now you have to wait ‘till tomorrow“
„Peace!“
„Quiet!“
„Nice“
„He‘s really lovely“
„He‘s really lovely“
„We did warn you“
„Nice, nice“
„Embarrassing“
„Gone, gone“
„You know why“
„We wanted to save you“
„Nice, he‘s too nice“
„Too nice“
„She‘s too bad“
„Gone“
„Nice“

 

„We warned you“
„Now you saw him“
„Lick me“
„She‘s really too bad“
„We know it“
“Thanks very much“
„We warned you about her“
„You get her“
„We thought you get it“
„She‘s too bad“
„Sister helps you“
„He smokes you“
„I warned you about Coci“
„Thanks very much“
„Now I smoke your goodies away“

 

July 6 2009, la Digue, Seychelles

 

 

 

 

 

 

Habe Toast machen wollen und eine Eidechse ist herausgespickt. Nun teile ich mir das Frühstück mit ihr.........

 

Eine fünf Zentimeter grosse Kakerlake liegt tot am Boden in meinem Wohnzimmer. Guten Morgen! - Es ist drei am Nachmittag und die tote Kakerlake ist verschwunden!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Carla Trachsler © 2016